Am Anfang war der Tango

Jrma und David SchoenauerTango – was hat Tangotanzen mit Variété zu tun, werden Sie sich nun fragen. Sie haben nicht ganz Unrecht, doch angefangen hat die Schoenauer-Liaison, sprich die Broadway-Geschichte, mit eben diesem Tanz.

Drehen wir das Rad der Zeit zurück und stoppen es anlässlich eines rauschenden Fests in Basels Altstadt. Der Blick richtet sich auf ein Glas Wein und einen feuerschluckenden Artisten, der Sie mit ebenso feurigem Blick aufs Parkett bittet, um einen Tango zu tanzen. Auch Sie könnten dieser Bitte nicht widerstehen. Und Jrma konnte es auch nicht. Genussvoll erinnert sie sich an die Begegnung auf der Tanzfläche: «David tanzte sehr gut Tango, nicht etwa klassisch, sondern eher Freestyle.»

Die Begeisterung lag auf beiden Seiten und so kam es, dass sich die Damenschneiderin aus Dornach und der Schriftsetzer aus Basel nicht nur zum Tanzen trafen. Jrma avancierte zu Davids Assistentin und wenn sie nicht auf der Bühne stand, dann an der Kasse.

Jrma und David mit Schlangen

 

Tagsüber im Atelier wurden Jrmas Augenlieder immer schwerer und so beschlossen sie, einen gemeinsamen Weg zu gehen. Jrma tauschte ihren Mazda gegen einen alten Volvo samt Campingwagen. Mit Kostüm und Peitsche wandelten sich die Damenschneiderin und der Schriftsetzer zu einer sinnlich bauchtanzenden Schlangendompteuse und einem waghalsig feuerspeienden Kragenbärenbändiger, die auf Campingplätzen erfolgreich das Tessiner Touristenvolk erschreckten.

 

 

David der FeuerschluckerIhr artistischer Ruf drang über die Kantonsgrenzen hinaus. Bald schon klopfte der Zirkus Stey an die Wagentüre, gefolgt vom Circus Royal und einem Engagement bei Bouglione, dem Pariser Zirkusmekka. Im Lenz 1985 gaben sich David und Jrma das Jawort unter dem Royal’schen Chapiteau und die Taufe des Sohnemanns Raphael fand auch gleich hier statt. Nachdem sie genügend Erfahrungen auf der Reise gesammelt hatten, wurde die Zeit reif für ein eigenes Etablissement, die Ära der «Spieldose» begann. Während vier Jahren bereisten sie die Schweiz, boten Artistinnen und Artisten ein Zuhause und eine Existenz. Die Gagen wurden damals noch im kreisenden Hut gesammelt.

 

Jrma und David Schoenauer«Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel», sagt David heute und erinnert sich trotzdem gerne an all die schönen Momente, die das Strassentheater bot. «Doch», so Jrma, «plötzlich kam die Routine und die Lust an der Kreativität nahm ab.» Es lag eine Veränderung in der Luft.

1989 wurde sie Realität. Der legendäre Jackie Steel verkauft den Schoenauers sein Broadway-Variété.

«Wenn ich sie je verkaufe, dann nur dir David» sollen Jackies Worte gewesen sein. Jackie bescherte Jrma und David viereinhalb Tonnen Alteisen, wie sie ihr Variété liebevoll nennen. Damit war der Anfang einer Reise durch die Höhen und Tiefen des Tingeltangels besiegelt.

Jrma verzauberte fortan mit Samt, Kronlüstern, Gold, Spiegeln, Kerzen und ihrer Liebe zum Detail das Innenleben des Eisengerippes. Derweil kümmerte sich David um die Artistinnen und Artisten und um das Programm.

Die Ernüchterung kam bereits nach der ersten Spielzeit. So unvergleichlich die Nummern auch waren, Ende Saison blieb die Kasse leer. Die rettende Idee liess nicht lange auf sich warten. Das Energie-Duo Schoenauer war sich einig: Das Publikum soll nicht nur mittels Augen und Ohren verwöhnt werden, sondern auch der Gaumen soll zu seinem Recht kommen. Gesagt, getan.

Showbild 2011

Das Eisengerippe wurde mit Tischen und Stühlen bestückt und der zwirbelschnauzige Direktor flambierte das Fleisch vor den Augen der Gäste. Das neue Zauberwort hiess nun «Esstheater», Diner-Spectacle. Zu den Gaumenfreuden kamen Davids heisse Attraktionsnummern und Jrmas verführerische Dekorationskünste. Die daraus entstandene lustvolle Atmosphäre machte das Publikum ganz wild auf mehr und liess die Kasse wieder klingeln. Heute können die Frau mit dem betörenden Décolleté und der Mann mit dem feurigsten Blick der Alpennordseite auf ruhmreiche Jahre und klare Aufgabenteilung zurückblicken. Aussenminister David kämpft sich durch den Behördendschungel, kümmert sich um die verwöhnte Gilde der Journis, ärgert sich im Büro am Computer, rekommandiert und steht allabendlich auf der Bühne. Ist der Vorhang gefallen, lässt man den Abend oft in Gegenwart der Göttergattin Jrma Revue nochmals passieren.

Innenministerin Jrma zaubert alljährlich aus den Tiefen der Haute-Couture Kostüme, entwirft traumhafte Bühnenbilder, sorgt für erlesene Gaumengenüsse, samt deren Präsentation und ist die Seele des Etablissements.

 

Broadway Geschichte

1944 kam die Schaustellerfamilie Morgenthaler zurück in die Schweiz. Das Ehepaar Johann und Josephine Morgenthaler war zuvor jahrelang mit der Schaubude «Imperiale» in Deutschland gereist. Der Krieg zwang die Auslandschweizer zu einer Rückkehr nach Basel. Nach dem Krieg, etwa um die Jahre 1946/47 herum, entstand aus dem «Imperiale» eine neue Schaubude. Es wurden frische Kulissen gemalt und die Einrichtung verändert. Mit dem neuen Aufbau kam auch ein neuer Name und ein leicht variiertes, auf die hiesige Chilbi-Szene bezogenes Konzept. Fortan reisten die Morgenthalers in der Schweiz unter der Bezeichnung «Broadway».

BroadwayDer Siegeszug der Amerikaner schlug sich auch hier nieder und schon mit dem neuen Schaubudennamen liessen sich Sehnsüchte und Ahnungen von US-Show-Grösse beim Publikum wecken. Die neue, moderne Schaubude zeigte allerlei abenteuerliche Programme – Artisten, Humoristen, Sensationen jeglicher Art, Kuriositäten und Raritäten. Es war die Zeit, in der man auch hierzulande noch «Völkerschauen» präsentierte. Die Zuschauer strömten in Scharen, wenn die Schaubude etwa «Liebestänze aus einem Negerdorf» präsentierte oder Albinos als nordische Eismänner verkaufte. Auch wenn etwa ein «Buffalo-Bill-Artist» verkappte Karl-May-Träume auf der Bühne auslebte, goutierte das Publikum diese Ausflüge in die unterste Ethnologie-Abteilung als exotischen Nervenkitzel. Was spielte es denn schon für eine Rolle, dass der Pseudoindianer aus dem tiefsten Kleinbasel stammte? Die Spinnenfrau, der Ausbrecherkönig oder die Dame ohne Kopf waren ja genauso wenig echt wie der elektrische Stuhl, auf dem alle 30 Minuten ein Schaubudenartist brutzelte. Wichtig war nicht, was echt war, sondern was echt genug schien. Hauptsache, die Leute kamen, um die Shows zu sehen. Dies zu bewerkstelligen, gehörte jahrelang zu den Aufgaben von Ruth Morgenthaler, der heutigen Ruth Häseli-Morgenthaler. Sie entwickelte sich im Laufe der Zeit zur gewieften Rekommandeurin, die den Leuten auf der Paradebühne ein X für ein U vormachen konnte: Dass dabei die «dicke Bertha» in ihren Schilderungen gleich noch ein paar Zentner mehr Gewicht draufgespeckt bekam oder dass die «goldenen Männer» angeblich in dieser Form «lebend geboren» waren, wusste sie den staunenden Zuschauern problemlos aufzuschwatzen.

BroadwayIm «Broadway» jener Tage verdiente sich auch Angelo Bossie, der später die Zauber-Schaubude «Rudini-Theater» betrieb, seine ersten Sporen ab. Auch er wurde vom Vater Morgenthaler in die hohe Kunst der Schaubude eingeführt und mutierte im «Broadway» zu jenem begabten Rekommandeur, der er später war. Mitte der 60er-Jahre wurden die Morgenthalers langsam müde. Sie hatten genug vom Schaubudenbetrieb. Deshalb verhandelte der Vater Johann Morgenthaler mit dem jungen Basler Komödianten und Abenteurer Jackie Steel. Dieser übernahm dann 1966 zusammen mit Sales Stenz das «Broadway».

Schon bald reiste Jackie Steel allein mit seinem neu erworbenen Variété, das damals noch völlig aus Holz gebaut war, durch die ganze Schweiz. Mit Hilfe seines Vaters baute Jackie Steel einen neuen eisernen Rahmen für das Theater. Die neue Konstruktion bildet noch heute das Gerippe für das «Broadway». Mit Jackie Steel begann eine neue Ära in der wechselvollen Geschichte der altehrwürdigen Schaubude. Der findige Komödiant entwickelte einen eigenen, gnadenlosen Stil. Diese Zeit ist heute bereits Legende und die Älteren mögen sich mit Wehmut an solch unglaubliche Attraktionen wie Annuk den Lebend-Toten oder den lebenden Gasometer erinnern. Jackie Steels Fantasie kannte fast keine Grenzen, wenn es darum ging, neue Sensationen zu kreieren. Aus seiner Ägide stammen viele geniale Gimmicks, die sich der Meister einfallen liess, um die Leute ins Theater zu locken: So versprach er jedem, der seinen «Unsichtbaren» sehen konnte, «tausend Franken bar auf die Hand» oder er hängte ein Schild «nur für Erwachsene» vors Theater, um die Sensationslust der Passanten zu wecken. Unvergänglich zur «Broadway»-Ära von Jackie Steel gehören der lachende Magier Charlie Kadevi und Jackies Ehefrau Trudy, die jahrelang die Kasse betreute und dabei selbst von ihrem Sitz aus die Leute zum Theaterbesuch animierte. Ebenso legendär sind die Auftritte des Meisters mit seinen Töchtern. Die Memo-Nummer «Jackie Steel und Athene Radar» ist europaweit gezeigt worden. Die unglaublichen Ideen und Einfälle des Meisters sind zweifellos ein solides Stück Basler Entertainment-Geschichte.

Doch Ende der 80er-Jahre war Jackie Steel des Reisens überdrüssig geworden. Er verkaufte sein Theater an David Schoenauer. «Er ist der Einzige, dem ich das Theater gegeben hätte», betont Jackie Steel noch heute.

David Schoenauer arbeitete an der Herbstmesse 1989 nochmals mit Jackie Steel zusammen im «Broadway» und übernahm das Theater im September 1990 zusammen mit seiner Frau. Schoenauers «Broadway Variété». Nach Jahren auf der Reise im Circus, in Variétés und mit dem eigenen mobilen Spieltheater stand man vor der Alternative, zu verhungern oder ein paar Träume an den Nagel zu hängen. Doch dann erschufen sich die beiden ein Abbild dessen, mit dem sie es aufnehmen wollten, und erstanden sich mit dem «Broadway» eine Schaubude. Damit wurde zwar ein Jugendtraum von David Schoenauer realisiert, aber sie mussten auch lernen, dass es – wie Oscar Wilde sagt – zwei Dinge auf dieser Welt gibt, die tragisch sind: «Das eine, nicht zu bekommen, was man wünscht, das andere, es zu bekommen!»

Die ersten Jahre, in denen die Schoenauers das «Broadway» noch als eigentliche Schaubude führten, waren pickelhart. «Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben», sagt Jrma Schoenauer. Deshalb musste etwas geschehen und es folgte die Mutation der Schaubude zum Verzehrtheater als letzte Lösung. Wenn alle Möglichkeiten erschöpft sind und dann noch etwas übrig bleibt, muss das die Wahrheit sein. Mit dieser Art Vergnügungsetablissement, das aus einer kongenialen Mischung aus Artistik, schrägem Humor, originellem Outfit, erlesener Gastronomie und skurrilen Einfällen besteht, stiessen die Schoenauers in eine Marktlücke. Nachdem einerseits die alten Schaubudengeschichten ausser Mode geraten sind und andrerseits die so genannte Erlebnisgastronomie bestenfalls noch als billiger Scherz für einfallslose Kabarettisten dient, war das «Broadway» mit seinem originellen künstlerischen Gesamtkonzept genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Das kann man auch daran ersehen, dass mittlerweile schon die ersten Nachahmer mit verwässerten, uninspirierten Spektakelunternehmen durch die Schweiz tingeln. Das ist nicht weiter erstaunlich, obwohl – wie oft in solchen Fällen – die Plagiate nicht unbedingt zwangsläufig immer das Original ehren.